| Ein Abend mit Tschaikowsky |
| Geschrieben von: Chrischi |
| Donnerstag, den 12. Februar 2009 um 22:37 Uhr |
|
Man verabschiedete mich mit den Worten: "Es wird ein deprimierender Abend mit deprimierender Musik." Vorab sei gesagt, dem war nicht so.
Der Entschluss dazu war folgerichtig, war es doch der b0zen, der den jüngsten kulturellen Wettstreit ins Leben rief. So ist dem Einen das Improvisationstheater und dem Anderen das klassische Konzert. Es gab Rachmaninow (Konzert für Klavier und Orchester Nr.2 c-moll op.18) und Tschaikowsky (Symphonie Nr.5 e-moll op.64). Dies passierte nicht an einem der üblichen verdächtigen Orte, Konzerthaus, Philarmonie etc., nein am Oberstufenzentrum Versorgungstechnik am Nöldnerplatz. Nun ja, ist man geneigt zu denken, sind ohnehin nur russische Stücke und für diese sind eine Berufsschule möglicherweise ein angemessener festlicher Rahmen. Aber falsch gedacht, die Max-Taut-Aula, der Name sagt es, ist eines der Tautschen baulichen Zeugnisse der 20er Jahre in Berlin. Ein Bau der 90 Jahre später immer noch wohlgefällig erscheint, was bei mancher Waschbetonlandschaft, die heutigen architektonischen Junghirnen entströmt, zweifelhaft ist. Bleibt die Tatsache, dass es sich immer noch um eine Berufsschule handelt. Doch der "clash of civilizations" blieb aus. Zum Einen weil wir mit dieser auf Spekulation basierenden Vermutung über die intellektuell-musikalische Leistungsfähigkeit unserer Berufsschüler unsere eigenen geistigen Untiefen bloßlegen. Zum Anderen weil Zeitpunkt der Anwesenheit der Berufsschüler und Zeitpunkt des Konzerts divergierten. Die vor dem Eingang aufgeschnappten Wortfetzen: "...Per que...", " ...Haste stuff..." und "...kognitive Inkonsistenz...." ließen auf ein bunt gemischtes Publikum schließen. Und in der Tat waren bei den 500 Anwesenden Verwandte und Bekannte des studentischen Orchesters (gedeckte Farben), Feuilleton-Leser (schwarze Anna Lindh - Brille, knallrote Lippen) sowie die werktätige Bevölkerung (pinke Trilobaljacke, Alditüte) vertreten. Die Musik: herrlich. Prokofjew: Vom Klaviersolo ausgehend, anschwellende Klänge, getragen durch die Streicher hin zum Explosiven der Bläser. Meine fachlich versierten Sitznachbarn waren meiner Ansicht, ergänzten jedoch, dass das Orchester während des Spiels immer wieder auseinander gefallen sei. Nun ja. Tschaikowsky: Es geschah eine fulminante Entwicklung von einer gedämpften, getragenen geradezu trauervollen Stimmung im 1. Satz über ein fröhliches Tirili im 3. Satz hin zum unter Einsatz aller Kräfte entstehenden fulminanten Ende. Also wie bei Tschaikowsky gewohnt, war es eine fantasievolle, farbenreiche Orchestrierung, überschäumende Emotionalität, eigene Tonsprache, die stets zwischen der russischen und der europäischen Tradition oszilliert. Nun war das musikalische Verständnis sogar soweit, dass einzelne Dissonanzen zu hören war. (Der Hornist braucht dringend zusätzlichen Unterricht.) Es gibt sie also noch die Inseln der Sittlichkeit, aber man muss sie verlassen und wieder hinaustreten in die verlidlte, kalte, dunkle Welt der maximalen Effizienz.
p.s.: bitte keine Blöße geben und zwischen den Sätzen klatschen |











